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Der Tinnitus (aka das Pfeiffen) und die Frauen

April 28, 2006

Irgendwann letze Woche war es, als sich plötzlich ein merkwürdiges Pfeifen in meinem Kopf breit machte. Das war er also, der berühmte Tinnitus, von dem ich bis dato immer nur mit Schrecken vernahm. Jetzt hatte er auch mich erwischt. Schön laut und gleichmäßig und das 24 Stunden am Tag. Scheinbar doch zuviel Streß oder zuviel Verspannungen, oder was auch immer; da ist sich ja kein Arzt wirklich sicher.

Also lag ich die ganze Woche jeden Tag für knapp eineinhalb Stunden mit einer Infusion im Arm auf einer Liege in einer kleinen HNO-Klinik am Rande der Stadt. So eine, mit einem eigentlich hervorragendem Ruf. Die mich dort behandelnde, etwas ältere Ärztin, die übrigens durchaus einem Doktor Schiwago Film hätte entspringen können, strafte diese Info aber Lügen. Sie rammte mir jeden Tag auf’s neueste brutal die Infusions-Nadel in die Venen, so als ob sie sagen wollte, wer gesund werden will, muß auch dafür leiden!

Aber immerhin würde ich – so dachte ich zuerst – wenigstens ein bißchen entschädigt, da mit mir im Zimmer auch Leidensgenossen liegen würden, wie mir die Schwester gleich sagte. Und da im Warteraum nur nette Frauen saßen, freute ich mich schon auf nettes entspannendes Geplauder so von Liege zu Liege. Von Leidensgenosse zu Leidensgenossin. Was gibt es besseres, zum anbandeln und gesund werden… Geht ja quasi Hand in Hand!

Und um es gleich vorab zu sagen, Montag und Dienstag lag auf der Liege neben mir eine ungemein attraktive Stewardess aus Mecklenburg-Vorpommern. Mittwoch und Donnerstag eine wirklich bildhübsche Englisch-Lehrerin aus London. Am Freitag – nunja – ein älterer Herr aus WasWeißIchWo.

Aber natürlich wurde alles ganz ganz anders. Klar. Und zwar so, daß nicht nur der Tinnitus und Frau Dr. Schiwago eine täglich harte Prüfung für mich waren. Nein, meine LeidensgenossInnen waren es nicht minder.

Die Stewardess entpuppte sich schon nach 5 Minuten als hauptsächlich laut kicherendes Wesen mit Hang zur Esoterik. Irgendwie ein wenig, wie frisch aus einer Woody-Allen-Fantasie entsprungen. Zudem brachte sie keinen klar zusammenhängenden Satz heraus. Davon aber eine Unmenge. Und zwar soviel, daß ich am Montag von den verschiedensten spirituellen Orten – und deren Eigenheiten – erfuhr, die sie so auf ihren weltweiten Flügen besucht. Am Dienstag gab es dann weitere Infos zu Sternbildern, Indianderstämmen, dem Geist der alten Inkas, alten ägyptischen Tempelritualen und mehr. Kurzerhand bestach ich die Schwester mit einer Schachtel Pralinen, um die Stewardess nicht mehr parallel zu mir zu terminieren.

Als am Mittwoch auf der Liege neben mir die englische Lehrerin lag, ging für mich erstmal die Sonne auf. Die Genesung schien nahe. Denn was gibt es dafür besseres, als ein angenehm klopfendes Herz?! Nun war aber diese und die nächste Sitzung damit angefüllt, daß ich komplett über das englische Bildungssystem, seine Gegensätze und Gemeinsamkeiten zu unserem, sowie über die komplette Historie und Zukunft der angelsächsischen Schulreformen informiert wurde. Und weiter weiß ich jetzt auch darüber Bescheid, in welchen Ländern auf der Welt gleichgeschlechtliche Ehen zwischen Frauen erlaubt sind. Was? Achso… Hmmm… Ahja… Verstanden.

Dies alles verhalf meinem Tinnitus nicht gerade dazu, sich zu beruhigen, mir nicht zu einem netten Flirt, dafür aber der Krankenschwester zu einer weiteren Schachtel Konfekt!

Am Freitag dann neben mir keine Frau mehr, sondern der ältere Herr mit Zeitung. Na gut. Insofern zeichneten sich zumindest entspannte ruhige 1,5 Stunden ab. Aber wieder weit gefehlt. Denn inzwischen bin ich auch darüber aufgeklärt, daß zwischen Krankheiten und Träumen ein enger Zusammenhang besteht. Und wenn ich alle meine Träume aufschreiben würde und sie zu einer Analyse geben würde, könnte ich mit den gewonnenen Erkentnissen präventiv die meisten Krankheiten abwenden. Diese Infos hat er dann noch mit diversen ausführlichen Beispielen angefüllt.

Freund D., dem ich am Freitag Abend in unserem Lieblings-Cafe davon erzählte, bzw. ihm mein Leid klagte, meinte nur lapidar, ich soll mich nicht so haben. Ich hätte schließlich einen Haufen „Bildung“ mitgenommen; in diversen Lehrgängen würden einige Menschen eine Menge Geld für solch wertvolle und spannende Informationen bezahlen.

Mein Fazit dagegen ist, daß die in der Klinik das wahrscheinlich mit Absicht inszeniert haben. Damit ich ja nicht entspannt und schnell genese. Sondern noch ganz lange für ganz viele Infusionen komme. Und die Klinikkasse wie Dagobert Ducks Geldspeicher fülle…

Mehr Sauerstoff bitte…

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