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Anna Netrebko, Maria Callas, Elisabeth Schwarzkopf, Freund D. und Gefühle

Juli 27, 2006

Es ist ja nicht so, daß ich einer dieser Opernfans wäre, für den keine andere Musik mehr in Frage kommt. Im Gegenteil. Meine Lauschpalette reicht quer durch alle Musikrichtungen. Und je nach Stimmung, eben mal dies mal das. Oper tatsächlich eher selten, dafür dann aber intensiv.

Gestern war auf jeden Fall die Premiere der Mozart Oper Le Nozze di Figaro bei den Salzburger Festspielen. Da Freund D. mich hier vor ein paar Tagen fragte, warum Anna Netrebko nicht so schön singen kann, wie Maria Callas, schaute ich mir besagte „Hochzeit des Figaro“ gestern in der ARD an. Denn die Netrebko gab dort die Susanna.

Schon nach kurzer Zeit mußte ich allerdings feststellen, daß es so viele schöne und spannende Inszenierungen gibt, und so viele gute Sänger und Sängerinnen, daß es eigentlich keinen Grund gab, diese Inszenierung bis zum Ende anzusehen. Wozu auch?

Warum Regisseur Claus Guth, eine eigentlich temporeiche Commedia del Arte Oper in ein langweilig träges und gefühlsarmes Schlafmittel umwandelte, wird wohl nur er selber wissen, sein Therapeut und sein Kopfkissen. Mir erschloß es sich nicht.

Dasselbe gilt für den eigentlich feinen Dirigenten. Was Nikolaus Harnoncourt ritt, das Tempo dermaßen rauszunehmen, daß ich Angst hatte, die Streicher würden bald mittels Sekundenschlaf von ihren Stühlen fallen, und dem Schlagzeuger sein Kopf auf die Trommel, habe ich ebenfalls nicht verstanden. Ich unwissender Banause!

Leider war auch die Ausstattung von Christian Schmidt selbst für einen Bühnenpuristen, wie mich, völlig unergründlich und unpassend. Alles spielte komplett in einem weiß getünchten überdimensionierten Treppenhaus. Und das war es dann auch schon. Punkt. Wie in einer kleinen Arthouse Off-Off-Existenzialisten-Aufführung. Seine Kostüme waren ebenso einfallslos, nämlich allesamt schwarz, was er wahrscheinlich für genial hielt. Ausnahme war das schwarz/weiße Hausmädchen-Kostüm, in der sich die Netrebko sichtlich unwohl fühlte.

Wieso der Choreograph, Ramses Sigl, seine ganzen Akteure maniriert rumstelzen und hüpfen ließ (anders kann man es nicht nennen), habe ich bis jetzt auch noch nicht begriffen. Wobei zumindest die statische Anfangsszene, das muß ich zugeben, sehr schön war und ihren Reiz hatte. Danach hat man es aber auch begriffen und alles weitere bestand aus uninspirierten Wiederholungen und nicht nachvollziehbaren unemotionalen Annäherungen. Aber vielleicht ist das alles auch einfach zu hoch für mich. Kann durchaus sein.

Allein das Lichtkonzept von Olaf Winter war klar, passend und ohne Schnörkel. Nur das genügte dann auch nicht, um mich alle Akte am Bildschirm zu halten.

Was mir – um zurück zu Freund D. seiner Frage zu kommen – an der Netrebko auffiel, war ihre unglaublich gelangweilte Art. Und das ist eben genau der Unterschied zu einer Callas, der man in jeder (na gut, in fast jeder) Arie anmerkte, daß sie die Rolle lebt und mit ihrem Herzblut füllt. Bei der Netrebko dagegen habe ich nur das Gefühl, sie will mit jeder Rolle ihren Geldbeutel füllen und da sie ganz passabel gut singen kann und zudem noch hübsch aussieht, gelingt ihr das auch meistens. Genügen tut es nicht. Selbst wenn Freund D. von ihren optischen Reizen angetan ist.

Im späteren Verlauf des Abends habe ich dann mal wieder eine alte Einspielung der Hochzeit auf CD gehört, um einen spontanen Vergleich zu haben. Na, gut, es war nur der erste Akt, den ich mir anhörte, aber es war auch schon spät und das überhitzte Schlafzimmer verlangte nach mir und meiner Müdigkeit.

Aber siehe da, die Sonne ging zu dieser späten Zeit doch noch einmal auf und ich wurde wieder hellwach. So richtig mit Gänsehaar am Arm. Diese alte Aufnahme sucht sich im Gegensatz zur 2006er Salzburg-Inszenierung ihren Weg direkt in mein Herz. Die Sänger und Sängerinnen sind glaubhaft und überzeugend. Elisabeth Schwarzkopf als Susanna ist im Gegensatz zur Netrebko emotional und doch immer voller Würde. Wächter singt einen authentischen Grafen. Und überhaupt ist das ganze Ensemble immer mit Leib und Seele dabei und schickt die Emotion der Oper vollmundig durch die Lautsprecher. Und das alles mit einer südlichen Leichtigkeit, bei der sich diese verkopfte statische Salzburg-Arthouse-Aufführung gestern einfach schämen sollte.

Mein Fazit:

Während ich bei besagter gestriger Salzburg-Oper alles sah und nichts mein Herz berührte, spürte ich bei der darauffolgenden alten CD alles und war zutiefst berührt. Weil spüren und berühren ist das, warum ich ab und an der einen oder anderen Oper mit so traumhaft gefühlvollen und glaubhaften Sängerinnen wie der Callas und auch der Schwarzkopf erliege. Bedingungslos.

Und da kommt die hübsche Netrebko aber einfach nicht ran, lieber Freund D., denn eine russische süße Stupsnase allein genügt nicht.

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