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Janis Joplin, der Mercedes Benz und die Werkstatt

August 3, 2006

Eventuell ist es das Los von Kindern, die in den 60ern und 70ern so lässig linksliberal erzogen wurden, daß sie später Mercedes fahren müssen! Sie können ja gar nicht anders!

Die fröhlich tanzenden (oder was auch immer sie damals noch so machten) Eltern hörten die Doors, Jimi Hendrix, Joan Baez, Bob Dylan und natürlich Janis Joplin.

Janis‘ Textzeile Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz, wurde – ohne daß man was dagegen tun konnte – fast zu so einer Art Beschwörungs-Mantra. Kapitalismus hin oder her. Denn natürlich fuhren auch die eigenen Eltern inzwischen einen Benz. Diesen aber – im Gegensatz zum bösen spießigen Establishment – möglichst alt, mit vielen Beulen und innen ziemlich verkommen. Auch eine Form des Protestes: „Seht her, Eure Statussymbole bedeuten uns nichts…“

Wobei es ja spannend ist, daß Janis selber nie einen Benz fuhr, sondern einen in psychedlischen Farben angemalten Porsche!

Irgendwann mit Ende 20 kaufte ich mir dann meinen ersten (gebrauchten) Benz. Was war ich stolz! Klar schob ich bei der ersten Fahrt sofort eine Janis Joplin Kassette rein und drehte voll auf! „Oh Lord, won’t you buy…“ Diese Hymne war ich ihr und der untergegangenen 68er Revolution in diesem Moment schuldig! Und außerdem, wo ist es schöner, diesen Song mitzusingen, als hier?!

Aber auch ich ging mit meinem Auto ziemlich entspannt um, wenn auch nicht so entspannt, wie meine Altvorderen. Ich fuhr immerhin alle drei Monate in die Waschanlage oder saugte ihn auch mal aus. Nach einiger Zeit tauchte dann das eine oder andere kleine technische Problem auf. Und so fuhr ich dann das erste Mal in eine Mercedes-Benz Niederlassung. Der zuständige Kfz-Meister vor Ort begutachtete erst mich und dann den Wagen ausgiebig. Rechnete und rechnete. Und eröffnete mir die (damals für mich astronomische) Summe von rund DM 3.000,– (oder so) für die zu erwartende Reparatur. Auf meinen verduzten Einwand, daß das aber ziemlich teuer wäre, meinte er nur lapidar: „Wissen Sie, wer sich keinen Mercedes leisten kann, sollte auch keinen fahren…“ Aha!

Das Resultat war, daß ich vom Hof fuhr und bei einem kleinen italienischen Autoschrauber um die Ecke landete. Der erledigte mir das alles für 750,– DM. Also machte ich in den darauffolgenden Jahren bis heute um Mercedes-Niederlassungen einen großen Bogen. Einen sehr großen. Die paar Male, die ich der Vergangenheit doch in Münchner Mercedes Niederlassungen ging, um das eine oder andere Original-Teil (abgebrochene Mercedes-Sterne etc.) zu kaufen, erlebte ich im Grundsatz kein anderes Bild, als am Anfang. Die Verkäufer bzw. Kundenberater waren meist wesentlich snobistischer, als der Kunde. Wahrscheinlich entspreche oder entsprach ich aber auch nicht dem klassischen Mercedes-Fahrer, der sein „heiliges Blechle“ abgöttisch liebt. Für mich ist der Benz einfach ein gutes Auto, das ich gerne fahre. Nicht mehr. Nicht weniger.

Nun gut, nach vielen Jahren Benz und vielen Jahren italienischer oder griechischer Hinterhofwerkstätten, landete ich mit meinem aktuellen Auto

hier in Berlin doch mal wieder bei einer Mercedes Werkstatt. Diesmal war es allerdings keine direkte Mercedes Niederlassung, sondern eine Mercedes Vertragswerkstatt. Und während ich bei den Münchner Mercedes Niederlassungen meist das Gefühl hatte, daß die Mitarbeiter dort regelmäßig den Kurs

„Der Kunde muß sich (echt ziemlich) glücklich schätzen, daß er überhaupt bei uns sein darf. Aber stören sollte er uns trotzdem nicht zu sehr.“

belegen, habe ich in besagter Berliner Vertragswerkstatt das Gefühl, daß man dort die Philosophie lebt, die da heißt

„Wir haben Freude an unserer Arbeit und wir wollen, daß die Kunden sich bei uns wohlfühlen, wenn schon das Auto kaputt ist“.

Der leckere Cappuccino tat das seine dazu, daß ich mich wirklich wohlfühlte, während die Jungs hinten in der Halle mein krankes Pferd verarzteten. Ist aber vielleicht auch ein Unterschied, ob man für einen internationalen Großkonzern und seine Aktionäre arbeitet, oder für eine Firma, die seit drei Generationen ein Familienunternehmen ist. Und zudem einen fröhlichen Namen, wie Saparautzki hat.

Ja, und wenn dann der Meister bei der abschließenden Probefahrt nach der Reparatur gemeinsam mit mir die Original 1969er Woodstock-Einspielung von Joe Cockers „With a little Help from my friends“ lauthals mitsingt, möchte ich nicht nur am liebsten gleich mit dem Benz in einer Zeitmaschine nach damals durchstarten. Sondern bin auch mit einem mal entschädigt für vieles. Und weiß auch wieder ganz genau, warum es Janis damals gesungen hat, das:

Oh Lord, won´t you buy me a Mercedes Benz

P.S. Beim nächsten Werkstattbesuch werde ich schauen, ob er auch bei „On the road again“ von Canned Heat textsicher ist!

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